FRS: Hallo Nguyen. Zuerst einmal Glückwunsch für dein heutiges Konzert hier bei den OsterJazz-Tagen hier im Theaterhaus.
Warst Du mit Deinem Konzert zufrieden ?
Nguyen: Ich war sehr zufrieden, weil es wirklich das erste Mal war, daß wir so auf der Bühne aufgetreten sind. Daher gab es im Vorfeld auch enorm viel zu tun. Außerdem hatten wir sehr viel Streß. Wie so oft kann man sich nie so organisieren, wie man eigentlich möchte. Und schließlich ist es uns doch gelungen, etwas dem Publikum rüberzubringen. Und das war natürlich das Wichtigste.
FRS: Und dieses neue Projekt, wie entstand es? Was, oder welche Idee steckte dahinter?
Nguyen: Nach "Trois Trios" hat mir Siegfried Loch, mein Produzent vorgeschlagen, etwas über Afrika zu machen. Er ist Produzent von ACT. Und gerade zu diesem Zeitpunkt war ich dabei, einige nordafrikanische Musiker kennenzulernen. Ich lernte z.B. Karim Ziad kennen, als ich Arrangements für Cheb Mami schrieb. Und da habe ich ihm natürlich zugesagt, daß ich etwas über Afrika machen werde, aber über Nordafrika. Aber ich hatte vorher schon Projekte mit Musikern aus Afrika und den Antillen gemacht. Aber nicht über den Maghreb, denn im Maghreb gibt es eine einzigartige Musiksprache und sehr spezielle Rhythmen. Ich bin sehr glücklich darüber, daß ich das mit meiner Band auch zeigen kann.
FRS: Vielleicht ein paar Worte über die Musiker....
Nguyen:Ja, natürlich. Nun,der wichtigste ist Karim Ziad, unser Schlagzeuger. Er singt auch, hat viele Stücke komponiert und war eigentlich auch die Person, mit der ich das Projekt aufgebaut habe. Wir haben in der Tat über mehrere Monate zusammengearbeitet, um diese Platte zu machen. Dafür hat er mich mit der Musik seines Landes und des Maghrebs bekannt gemacht, und er hat mir Musiker vorgestellt, die für dieses Projekt in Frage kamen. Wir haben dies also eigentlich zusammen aufgebaut.
Und außerdem ist da Michel Alibo am E-Bass. Er gehört zur Gruppe Sickson, die in Frankreich bereits Ethno-Fusion macht. Die Gruppe ist eine Mischung aus französischen und afrikanischen Musikern. Michel Alibo ist selbst aus den Antillen, aus Martinique.
Bojan Zulfikarpasic spielt Klavier und Synthesizer. Er ist in Belgrad geboren und wohnt in Paris. Und was an ihm besonders interessant ist, ist daß durch ihn klar wird, daß es in der Musik zwischen Orient und den Ländern Osteuropas tatsächlich Verbindungen gibt. Man findet in Osteuropa die gleichen Rhythmen, die gleichen Ornamente, die gleichen Melodietypen wie in Nordafrika. Es ist sehr interessant, die Querverbindungen zu sehen und sie auch aufzuzeigen.
Aziz Sahmaoui ist einer der wichtigsten Sänger des "Orchestre nationale de Barbès". Sie sind ziemlich bekannt in Frankreich . Und ich glaube, sie sind besonders repräsentativ für die neue Generation algerischer und maghrebinischer Musiker in Frankreich. Sie sind wirklich auf der Suche nach etwas Neuem. Sie verbinden maghrebinische Musik mit ganz anderen Musikstilen: dem Reggae, dem Funk, dem Jazz.
Ja, und dann ist da Mohamed Menni, Percussionist aber auch Sänger, der im Orchester von Cheb Mami spielt. Genau wie Karim Ziad.
So, wen noch ?
FRS: Der Saxophonist und ..
Nguyen: Entschuldige! Der Saxophonist Alain Debiossat. Er ist sowohl Saxophonist von Sixon als auch vom "Orchestre nationale de Barbès". Deshalb gibt es keine bessere Wahl als ihn für das Projekt. Einerseits kennt er die maghrebinische Musik und außerdem hat er kulturelle Fusion-Experimente schon gemacht.
FRS: Die Platte wird also bald herauskommen. Wird dies eine Studio- oder eine Live-Aufnahme sein?
Nguyen: Sie ist im Studio aufgenommen. Wir sind gerade vor zwei Wochen mit der Platte fertiggeworden. Sie ist also noch ganz frisch. Die Platte wird ungefähr Mitte Mai herauskommen, und unsere Tournee beginnt Ende Mai.
FRS: Die Platte wird auch in Deutschland herauskommen, nicht nur in Frankreich?
Nguyen: Doch doch, natürlich. Da ACT ein deutsches Label ist, wird sie zuerst in Deutschland herauskommen, und dann in Frankreich.
FRS: Gut, deine Aufnahmen sind im allgemeinen im Studio aufgenommen, aber es gibt außerdem auch von Radiostationen aufgenommene Live-aufnahmen, bei denen doch ein gewisser Unterschied besteht. Was ist dein Interesse, was ist für dich am wichtigsten bei einer Plattenproduktion?
Nguyen: Bis jetzt habe ich alle Platten aufgenommen, um eine Band aufzubauen. Zuerst war es immer nur ein Projekt und während das Projekt dann entsteht, machen wir auch die Platte. Erst danach geben wir Konzerte. Es ist also offensichtlich, daß die Band wirklich erst zu einer Band wird, je mehr Konzerte sie gibt, je mehr sie ihre eigene Identität ausbilden kann.
Zum Beispiel "Tales from Vietnam". Das war traumhaft, weil wir noch drei / vier Jahre nach der Plattenaufnahme zusammen gespielt haben. Es war eine fantastische Erfahrung, weil es eben wirklich zu einer eingespielten Band wurde. Und es war genial anzusehen, wie die Musiker der verschiedenen Kulturen begannen, miteinander zu spielen.
Normalerweise am Anfang, bin eher ich es, der die Musiker zuasammenbringt und verkuppelt. Aber nach und nach bilden wir eine Band und die Dinge geschehen ganz von alleine. Die Band entwickelt plötzlich ein Eigenleben.
FRS: Eine andere Frage: beim Hören deines Projektes "Tales from Vietnam" habe ich eine Besonderheit deiner Musik festgestellt: der Kontrast zwischen der traditionellen akustischen Musik und der modernen elektrischen Musik. Wie nimmst du diesen Kontrast wahr?
Nguyen: Mich hat von jeher die elektrische Gitarre interessiert, nicht die akustische. Also betrachte ich mich auch als elektrischen Gitarristen. Ich habe immer schon Milliarden von Klängen gesucht. Vor allem am Anfang war ich wie besessen, noch nie gehörte Klänge zu finden. Dies alles sind Dinge, die man mit elektrischer Musik am besten machen kann. Nun denn, ich stelle mir nicht die Frage,einfach akustische und elektrische Musik zu überlagern. Es geht mir vielmehr um den Respekt für die Kultur.
Ich als Bandleader und Architekt muß dafür sorgen, daß sich jede Kultur ausdrücken kann. Und genau das ist es, was man als Begegnung zwischen der Tradition und der Moderne bezeichnet. Man muß also nur das entsprechende Gleichgewicht finden. Und darum geht es mir, wenn ich Projekte im Bereich der Fusion der Kulturen mache.
FRS: Als in Frankreich geborener Vietnamese, was sind deine kulturellen Wurzeln?
Nguyen: Ich bin in Frankreich geboren und habe vietnamesische Eltern. Deswegen habe ich mich immer in beiden Kulturen zu Hause gefühlt. Aber ich denke, daß ich auf alle Fälle viel eher Franzose und Westlich bin als ein Vietnamese. Und das ist der Unterschied zwischen einem, der im Westen geboren ist und einem, der aus einer anderen Kultur kommt. Das ist etwas, das man nie auflösen kann. Und deswegen arbeite ich daran. Es ist Arbeit. Jeder hat seine Wurzeln. Und sie zeigen sich von ganz alleine wie bei Aziz zum Beispiel, dem Sänger des heutigen Abends.
Ich dagegen muß daran arbeiten. Ich studiere. Ich forsche, höre mir viele Platten an, und ich versuche, alles an der Gitarre nachzumachen. Das ist die Arbeit des Musikers.
FRS: Apropos Arbeit des Musikers. Man liest überall, du seist Autodidakt. Wie also ist das: hattest du nie Lehrer, wie gehst du an Musik heran, eher ausgehend von Rockmusik oder eher vom Jazz her. Was sind die
Annäherungen des Autdidakten Nguyen Lê an die Musik?
Nguyen: Nun, die erste Musik, die mich, sagen wir, bewegte, war die Musik meiner Klassenkameraden: Deep Purple. Damals habe ich Deep Purple bewundert. Und dann habe ich völlig zufällig angefangen Gitarre zu spielen.
Ich habe mit Schlagzeug begonnen, zwei Jahre lang. Dann habe ich mit Gitarre angefangen.
Und ich habe mich ganz alleine zurechtgefunden. Damals habe ich mir gesagt: man legt einen Finger hierhin, einen dorthin, und dann klingt es gut. So fing alles an. Und dann konstruiert man Schritt für Schritt seine eigene Art, um das Instrument zu beherrschen. Ich habe immer schon so Musik gemacht: mein eigenes System entwickelt. Das heißt aber nicht, daß man nur nach Gehör spielt. Ich bin nur insofern Autodidakt, als ich mir meine eigenen Systeme geschaffen habe, um damit Musik zu machen.
FRS: Vielen Dank für dieses Interview, Wenn Du willst, kannst Du nun noch unsere Hörer grüßen......
Nguyen: Ich möchte all Eure Hörer grüßen und mich bei ihnen bedanken, weil es sehr wichtig ist, die heutige Musik zu präsentieren. Und es ist sehr wichtig, daß ihr diese Musik mögt.Wir brauchen Euch.