Pino Minafra
vom 09-03-1997Interviewer: Dietrich Heißenbüttel
Wir haben uns nach dem Esslinger Konzert des Sud Ensemble, am 9.3. 1997 in der Dieselstrasse mit Pino Minafra unterhalten.

Pino Minafra - Trompeter aus Ruvo di Puglia, einer kleinen Stadt im Süden Italiens mit einer berühmten romanischen Kathedrale - hat vielleicht mehr als jeder andere getan, um den italienischen Jazz bekannt zu machen. Anlässlich des von ihm ins Leben gerufenen internationalen New Jazz-Festivals in Noci(südlich von Bari) gründete sich 1991 das Orchestra Instabile Italiano, das durch seinen Auftritt auf dem Moers Festival im darauffolgenden Jahr schlagartig den italienischen Jazz ins Bewußtsein der Weltöffentlichkeit rückte, und dem die Mehrzahl der bedeutenden Musiker der gegenwärtigen italienischen Jazzszene angehören. Minafra, der auch in der banda musicale - einer typisch süditalienischen Blasmusikkapelle - seiner Heimatstadt bei Osterprozessionen mitspielt, veranstaltet ein zweites Festival des internationalen zeitgenössischen Jazz in Ruvo di Puglia - da kein Eintritt erhoben wird,unter Beteiligung der gesamten Stadt. Zur Zeit ist er mit seiner eigenen Gruppe, dem Sud Ensemble, auf Tournee.


Pino Minafra begnügt sich nicht mit der Rolle des Jazztrompeters. Die Trompete verdoppelt sich, sie wird zum Megaphon, er trompetet ins Megaphon, er spricht ins Megaphon, er spricht in die Trompete. Mit einem grauen Plastik-Abwasserrohr karikiert er die Natur-Sehnsüchte der Didgeridoo-lauschenden Esoterik-Anhänger. Gleichzeitig erscheinen Musiker seines Ensemble auf der Bühne und knoten sein Bein mit einem Gartenschlauch am Schlagzeug von Vincenzo Mazzone fest.Während Minafra ein melancholisches Flügelhorn-Solo bläst,fangen Baritonsaxophonist Carlo Actis Dato und Posaunist Lauro Rossi an, sich über seinen Kopf hinweg mit Steinchen gefüllte Filmdosen als Rhythmusinstrumente zuzuwerfen, so daß die Aufmerksamkeit des Publikums unwiderstehlich von der Musik abgelenkt wird. Pianist Giorgio Occhipinti kommt mit dem Staubsauger auf die Bühne, und zum Schluß verneigt sich mit den Musikern des Sextetts auch der hervorragende Kontrabaß von Daniele Patumi.


Wir haben uns nach dem Esslinger Konzert des Sud Ensemble, am 9.3. 1997 in der Dieselstrasse mit Pino Minafra unterhalten.




Frage: Pino Minafra, vielen Dank für das schöne Konzert - oder vielleicht sollte ich eher sagen Musiktheater?


Minafra: - ich denke, ich habe die Frage verstanden: Theater oder Musik - irgendjemand hat auch gesagt Commedia dell?Arte. Vielleicht, vielleicht, auf jeden Fall ist dies meine Vorstellung von Musik, ob es Commedia dell?Arte ist oder Theater, die Frage habe ich mir nicht gestellt. Diese Aspekte sind natürlich vorhanden, aber sie entwickeln sich ganz spontan auf der Bühne.


Frage: Stellenweise erinnert mich das, was du machst auch an zeitgenössische, und dann wieder an traditionelle Musik.


Minafra: Ja, richtig, diese Musik ist nur schwer etikettierbar, es ist kein Free, kein Jazz, kein Folk, kein Ethno, ein bißchen von allem.


Frage: Ihr spielt auch bei sehr verschiedenen Gelegenheiten.


Minafra: Ja, ja. Aber wahrscheinlich hat das mit den sehr vielfältigen musikalischen Erfahrungen meines Lebens zu tun: am Anfang habe ich in der Kirche gesungen, dann Blasmusikkapellen, dann Konservatorium, Orchester, alte Musik, Rock?n?Roll, Blues, Jazz, improvisierte Musik, alles das - ich habe auch in Night-Clubs gespielt, Tanzmusik, Volksmusik, leichte Musik, das alles hört man in meiner Musik hier. Da ist ein bißchen von diesem, ein bißchen von jenem - es ist eine Idee von mir, eine Vorstellung, eine Art, die Musik zu denken, ich hoffe sehr italienisch, sehr südlich, sehr warm, sehr positiv - ich hoffe es zumindest.


Frage: Ihr nennt euch Sud Ensemble. Was bedeutet für dich der Süden?


Minafra: Das ist so meine Idee, ein imaginärer Süden, heiß, stark, freigiebig, aber auch zerrissen,auf dramatische Weise verletzt, mit Problemen. Ein Süden mit einer großen Seele, das Mittelmeer, eine große Geschichte, tausende von Jahren.


Frage: In erster Linie der Süden Italiens, oder vielleicht auch der Süden der Welt?


Minafra: Nein, nein, in diesem Fall - gut, sicher gibt es Verbindungspunkte ... Ich beziehe mich auf mein Land, die Region meiner Herkunft, zu der ich eine starke Bindung verspüre, und auf die ich sehr stolz bin. Je mehr ich in der Welt herumkomme, um so mehr wird mir klar, daß ich mich mit diesem Teil der Welt da identifiziere. Es war ein sehr langsamer Prozeß. Anfangs hatte ich sehr weit entfernte Bezugspunkte, Amerika -


Frage: - auch Arabien?


Minafra: - auch Arabien
... Und dann nach und nach, langsam, allmählich entdeckst du deine Wurzeln, deine Identität, sehr stark, und du wirst stolz auf dein Land, wie ich dir schon sagte, reich an Sonne, reich an Geschichte, reich an ... Diese meine Idee des Südens ist vielleicht imaginär, vielleicht gibt es das gar nicht, ich weiß es nicht. Oder es existiert nicht mehr, oder ist jedenfalls dabei, sich zu verändern. Ich bleibe dieser Idee verhaftet, von diesem so gespaltenen, zerrissenen Süden.


Frage: Ihr seid alle aus Süditalien , in deiner jetzigen Gruppe?


Minafra: Nein. Der Pianist ist Sizilianer; der Schlagzeuger ist aus Ruvo di Puglia; der Bassist aus Terni in den Abruzzen; der Saxophonist Actis hat viele Jahre im Süden gelebt, der Posaunist ist neapolitanischer Abstammung. Es sind alle, du hast es gehört, warme, kraftvolle Musiker. Es genügt also nicht, eine Idee zu haben, du mußt auch die richtigen Menschen finden,diese Idee zum Leben zu erwecken.


Frage: Wie ist die Situation des Jazz in Italien? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Süden und dem Norden? Schließlich hast du auch das Orchestra Instabile mit auf die Beine gestellt.


Minafra: Das Instabile ist eine andere Idee. Während das Sud Ensemble auf eine Region konzentriert ist - den Süden Italiens ... tatsächlich haben wir letztes Jahr in Leipzig gespielt, das Sud Ensemble erweitert um drei Musiker aus dem Süden, ich rede von Antonello Salis, Carlo Rizzo am Tamburin und Gianluigi Trovesi, und sehr in der Nähe zur traditionellen Musik; meine Idee
für die Zukunft ist, diese Gruppe auszuweiten, alle Intelligenzen des Südens zusammenzuführen, die in der Lage sind, für dieses Land zu schreiben, diesen Landstrich, der nun einmal Süditalien ist, aber auch der gesamte Mittelmeerraum, die Türkei, Griechenland, den Libanon, dieses ganze Gebiet interessiert mich sehr, ich hoffe, eine starke Ausgangsbasis für diesen Bereich zu schaffen ...


Das Instabile ist etwas anderes. Die Ideologie des Instabile war, ganz Italien zusammenzuführen, Norden, Mitte und Süden, 18 denkende Köpfe, die zusammen schreiben, um eine kraftvolle Ausgangsbasis herzustellen,
den italienischen Jazz in der Welt bekannt zu machen. Denn Italien ist ein enormes Land, mit einer enormen Geschichte, einer enormen Tradition, allerdings sind wir in dieser künstlerischen Ausdrucksform zurückgeblieben.


Frage: - allerdings, der italienische Jazz ist nicht besonders bekannt, das Orchstra Instabile hat da schon eine Bresche geschlagen -


Minafra: - bravo, genau, die Idee ist die: BUOAMMMM - sprengen, und dann kommen die Leute: oh! ... Es gibt Italien. Es gibt nicht nur Spaghetti, es gibt nicht nur Pizza, sondern es gibt auch große Musiker, große Künstler, es gibt einen italienischen Sound, so wie es auch einen deutschen Sound gibt, einen englischen, einen französischen - eine Seele: eine deutsche,englische,
französische, holländische Seele, ich denke an Breuker, ich denke an Misha Mengelberg - und es gibt einen italienischen Sound, einen typisch italienischen Sound.


Frage: Das ist aber nicht die erste auswärtige Tournee des Sud Ensemble?


Minafra: Diese Gruppe besteht seit vielen Jahren. Wir waren dreimal in Kanada, eine außergewöhnliche Tatsache.


Frage: Auch eure CD ist bei einer kanadischen Plattenfirma erschienen.


Minafra: Für uns war es sehr wichtig, daß uns ein kanadisches Label eingeladen hat. Wir waren zuerst in
Victoriaville, ein großes, sehr innovatives Festival, das wichtigste in Nordamerika, und danach haben wir Konzerte gegeben in Vancouver, Toronto, Montreal, ein außergewöhnlicher Umstand, denn die Leute entdecken diese gänzlich italienische Dimension, die nicht der
amerikanische Jazz ist. Den ich nicht ertragen kann. Ich ertrage nur die Großen, der Rest, die Imitationen, ... - jeder muß sich selbst darstellen: du mußt deine Geschichte erzählen. Ich erzähle meine Geschichte, deshalb bin ich glaubwürdig, ehrenwert, es ist mein Leben, Schweiß [Sudori- Schweiß, heißt der Titel der CD des Pino Minafra Sud
Ensemble] - und deshalb wird es eine Sache, ich kann nicht Armstrong spielen, Chet Baker,...


Frage: Findest du einen Unterschied zwischen dem Publikum in Italien und anderen Ländern, oder in der Art der Auffassung von Musik, von eurer Musik?


Minafra: Diese Musik gefällt, denn, wie du siehst, gibt es viele Elemente, populäre, ethnische, Experiment, Melodie. Deshalb ist es eine Sache, die ankommt, weil es freigiebig ist, warm, es kommt an. Nein, ich denke, das erste Land ist Deutschland, hier sind wir wirklich, hier spielen wir viel. Deutschland, Frankreich, und dann Italien. In Italien haben wir mit Sicherheit Probleme.


Frage: Warum?


Minafra: Weil es keine Aufmerksamkeit gibt. Italien ist ein Land, das sich selbst erniedrigt. Es öffnet dem
Fremden die Tür, den auswärtigen Moden, wir mögen uns selbst nicht, im Unterschied zu Frankreich, das seine Käsesorten verteidigt, seine Weine, seine Autos, seine Musiker. Ihr habt das Goethe-Institut, die Engländer den British Council, wir haben niemand, niemand beachtet uns. Wir haben kein Ministerium für Kultur.


Frage: Du organisierst auch Festivals, wie macht man das?


Minafra: Du bist allein. Wenn du Kraft hast, Fähigkeiten, Glück, Gesundheit, Geld, antwortet dir die Stille. Ich wiederhole, wir haben kein Kulturministerium, es ist ein schlimmer Augenblick in Italien. Die Symphonieorchester der RAI [öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt] von Mailand, Neapel, Turin sind geschlossen worden. Die Chöre, die großen Chöre haben sie fortgejagt. Die Wirtschaftskrise hat noch mehr Verfall hervorgerufen. Daher ist die Musik, oder die Kultur im allgemeinen wirklich kaputt.


Jetzt, mit der Ankunft der Linken, seit Beltroni im Gespräch ist - und zum Glück ist es nicht zu Berlusconi gekommen, eine wirklich gefährliche Figur - jetzt gibt es mehr Hoffnungen, daß ein Ministerium für Kultur entstehen könnte, eine Jazz-Abteilung. Ich hoffe, daß das Gesetz über die Neue Musik auch den Jazz miteinbezieht, der damit nicht länger eine Musik für wenige bleibt, elitär, am Rande stehend, eine Carbonara (für euch vielleicht ein bißchen schwer zu verstehen: eine Sekte, könnte man sagen); daß es eine Musik unserer Gegenwart, unseres
Jahrhunderts ist, die daher alle Aufmerksamkeit verdient, und daher gibt es Signale ...


Frage: In der Situation, wo nicht Berlusconi regiert, gibt es neue Hoffnungen?


Minafra: Ja, genau, richtig! Ich hoffe tatsächlich, daß das Italian Instabile Orchestra das Nationale
Orchester wird. Wie in Frankreich. Was bedeutet, proben zu können, planen, schreiben, um unsere Kultur in die Welt zu tragen, das, was alle starken, reichen Nationen tun, die sich selbst lieben, die eine starke Identität haben. Denn Italien besteht aus 1000 Italien. Es gibt Süd-, Mittel- und Norditalien, alle 10 km, alle 100 km verändert es sich. Es ändert sich die Sprache, es ändert sich das Essen, es ändert sich das Klima, alles ändert sich. Ein komplexes Land.


Frage: A propos Traditionen: was genau ist eine banda musicale? Handelt es sich um eine spezielle,
süditalienische Tradition?


Minafra: Ja, nein, Blasmusik gibt es überall, in Holland, Frankreich, ... In Italien, wie ich eben schon
sagte, gibt es diese Differenz: im Norden haben sich die Kapellen immer darauf beschränkt, Marschmusik zu spielen - trrre-ram,trrre-ram, trrre-ram-zam-zam. Im Süden dagegen konnten, als die Mode des Melodrams, der Oper aufkam, nicht alle ins Theater gehen - wegen Geld, es gab wenige Theater: von Mittelitalien südwärts wenige, nordwärts
dagegen viele Theater. In der Emilia Romagna hat jedes kleine Nest sein Theater. Pavarotti ist aus Parma. Nein, Modena, ich erinnere mich nicht genau ... Während im Süden, wo man das nicht tun konnte, hat vor allem die apulische banda die Rollen der Sänger übernommen: die Pikkolotrompete übernahm die Sopranstimme, die Posaune den Tenor, das
Baritonhorn den Bariton - die banda hat praktisch das Theater ersetzt, die Oper, sie verbreitet.


Frage: Da haben wir wieder das Musiktheater ...


Minafra: Ja, sie haben die Musik in den kleinsten Ortschaften verbreitet. Für arme, ungebildete Leute, die die Musik nur über die bande kennengelernt haben. Symphonische Musik, lyrische Musik, ... unsere Großväter, die Großväter unserer Großväter haben diese kulturelle Botschaft durch die Blasmusikkapellen empfangen.


Frage: Es gibt sie also seit langer Zeit?


Minafra: Hundertfünfzig Jahre. Es hat sich also ein weltweit einmaliger Sound herausgebildet, das heißt, keine Blasmusikkapelle der Welt spielt Opern. Und kürzlich habe ich zum großen Festival zeitgenössischer Musik in Donaueschingen eine apulische Kapelle, die banda musicale meiner Stadt Ruvo di Puglia mitgebracht, in der folgenden Doppelrolle: die Tradition - die Kapelle, die Opernstücke spielt, und die banda, die sich mit zeitgenössischen Kompositionen auseinandersetzt: Willem Breuker, Michel Godard, Bruno Tommaso,Improvisatoren wie Gianluigi Trovesi, Jean-Louis Matinée, Lucilla Gariarzi - und im nächsten Monat wird davon bei ENJA eine Doppel-CD erscheinen, eine außergewöhnliche
Angelegenheit, Matthias Winkelmann, der Boß von ENJA wird eine große Werbekampagne veranstalten. Ich hoffe auch, ihn davon zu überzeugen, die Musik der Osterwoche aufzuzeichnen - bei uns gibt es Osterprozessionen mit wirklich schönen Dingen, ich habe das einmal für ein kleines Label gemacht, es wäre wichtig, daß Mathias Winkelmann, oder Manfred Eicher, ich weiß nicht, ... ich habe ihnen das Material geschickt, damit sie es verbreiten können. Euch würde es sehr gefallen, es ist eine wahre, authentisch empfundene Musik, mit viel Spiritualität, wir alle haben das sehr nötig!




Nachdem das Mikrophon schon abgestellt war, habe ich Pino Minafra meinen Eindruck geschildert, daß seine Verwendung des Megaphons wie ein Symbol wirkt, ein Symbol für seine Aktivitäten im Bereich des italienischen Jazz,
besonders im schon früher benachteiligten Süden. Ein Symbol dafür, schreien zu müssen,um auf sich aufmerksam zu machen, wenn die öffentlichen Kassen leer sind und die Kulturförderung ausbleibt. Pino Minafra stimmt mir nachdrücklich zu: das Megaphon sei schon immer ein typisches Instrument der kleinen Leute gewesen, um auf sich aufmerksam zu machen - Obstverkäufer auf der Straße, Muezzins, oder eben auch bei politischen Versammlungen und Demonstrationen.








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